Wings for Life: Zehn Jahre später

Warum wir (immer noch) nicht mitrollen.

2016 haben wir hier erklärt, warum wir bei Wings for Life nicht mitrollen.

Seitdem wird dieser Text jedes Jahr wieder gefunden, geteilt, diskutiert und kommentiert. Offenbar trifft er bis heute einen Nerv. Und weil seitdem zehn Jahre vergangen sind, wollten wir mal ein Update geben: Was hat sich verändert? Welche Kritik ist noch aktuell? Und wäre unsere Position heute eigentlich noch dieselbe?

Kurz gesagt: Unsere Kritik bleibt.
Aber eben nicht eins zu eins wie 2016.

Denn man muss fair bleiben: Ein paar Dinge haben sich verändert. Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.

Was wir 2016 kritisiert haben

Unsere Hauptkritik war damals nicht, dass Geld in Forschung fließt.
Unsere Kritik war auch nicht, dass Menschen aus Solidarität Geld sammeln oder an einem Lauf teilnehmen.

Unser Problem war das Menschenbild dahinter, das Framing.

Das Motto lautet damals, wie heute, sinngemäß: Die einen laufen für die anderen, die es nicht können.
Also: die Aktiven für die Passiven. Die Gesunden für die Kranken. Die Helfenden für die, denen etwas fehlt.

Und genau darin steckt bis heute ein Problem.
Denn viele von uns können sehr wohl etwas. Nur vielleicht nicht das, was in dieser Kampagne als Maßstab gesetzt wird – Laufen. Vor 10 Jahren wurde das noch viel zu selten gezeigt, dass Rollstuhlfahrende sehr wohl aber mitrollen können – das war unsere Kritik – unter anderem. 

Wir rollen. Wir bewegen uns. Wir leben. Wir arbeiten. Wir machen Sport. Wir sind nicht einfach eine Projektionsfläche für fremde Wohltätigkeit. Und wenn Rollstuhlfahrer*innen mitrollen, dann sollte das auch gezeigt und gewertschätzt werden. Wenn das Motto zum Beispiel wäre: „Wir laufen gemeinsam für mehr Forschung.“ Dann wäre das für uns etwas anderes. Inklusiver. Gemeinsamer. Nicht nur im Ablauf, sondern auch in Motto, Bildsprache und Framing. Aber genau das war damals nicht der Fall. 

Was sich seitdem tatsächlich verändert hat

Manches ist heute besser als damals.

Rollstuhlfahrende sind auf den aktuellen Seiten sichtbarer als früher.
Teilweise werden Strecken ausdrücklich als zugänglich für Rollstuhlteilnehmende beschrieben. Es gibt mehr Hinweise darauf, dass nicht nur gelaufen, sondern auch gerollt und gegangen wird. Auch die Stiftung macht heute transparenter sichtbar, dass sie Berichte und Informationen zu ihrer Arbeit veröffentlicht.

Auch beim Forschungsfokus wäre es zu billig, euch hier einfach denselben Text wie 2016 nochmal hinzuklatschen. Aber wir vertreten weiterhin die grundsätzliche Meinung, dass wir keine Heilung brauchen, sondern Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion.
Es gibt inzwischen sichtbar geförderte Projekte, die sich nicht nur um die Frage drehen, ob Menschen mit Querschnittlähmung irgendwann wieder laufen können, sondern auch um Themen wie Blase, Darm, Blutdruck und autonome Funktionen. Das ist relevant. Und das ist für viele Menschen mit Querschnittlähmung im Alltag oft sogar deutlich näher an echter Lebensqualität als die ewige Erzählung vom Aufstehen und Loslaufen.

Das heißt:
Nein, nicht alles ist noch genau wie damals und das ist gut!

Was uns bis heute stört

Und trotzdem bleibt der für uns zentrale Denkfehler bestehen.

Denn die Grundidee wird weiter genau so erzählt, wie wir sie damals problematisch fanden:
**„Run for those who can’t.“ (und gemeint sind hier sicher nicht die, die an dem Tag keine Zeit hatten)**

Das klingt erstmal emotional, motivierend und solidarisch.
Ist es aber nur, wenn man Behinderung ausschließlich als Defizit versteht, nicht aber als Teil einer Identität, einer Persönlichkeit, einer Person, die etwas kann.

Denn dieses Motto fragt nicht:
Wie können Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben?
Wie können Barrieren abgebaut werden?
Wie können Teilhabe, Assistenz, Mobilität und Selbstbestimmung gestärkt werden?

Stattdessen bleibt die Erzählung:
Da sind Menschen, die etwas nicht können. Und andere bewegen sich für sie.

Das mag gut gemeint sein. Aber gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht.

Warum uns das nicht reicht

Mehr Rollstuhlfahrende auf der Strecke sind schön.
Mehr Sichtbarkeit ist gut.
Mehr Transparenz ist auch gut.

Aber mehr Sichtbarkeit allein verändert noch kein defizitgeprägtes Menschenbild. 

Wenn die Grundbotschaft dieselbe bleibt, dann werden behinderte Menschen am Ende nur etwas moderner in dieselbe alte Erzählung eingebaut: als Anlass, als Symbol, als Motivation für andere.

Und nein: Das ist nicht dasselbe wie echte Repräsentation.

Echte Repräsentation heißt nicht nur, dass Rollstuhlfahrende vorkommen.
Echte Repräsentation heißt, dass wir nicht bloß mitgemeint oder mitgezeigt werden, sondern dass unsere Perspektiven das Narrativ mitbestimmen.

Warum wir trotzdem differenzieren

Wir wollen es uns hier nicht zu leicht machen.

Viele Menschen machen dort aus ehrlicher Solidarität mit. Für manche Rollstuhlfahrende kann es außerdem empowernd sein, dort sichtbar zu sein, mitzurollen und Raum einzunehmen. Und auch viele Nichtbehinderte wollen schlicht unterstützen. Das erkennen wir an.

Deshalb geht es uns nicht darum, einzelnen Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ihr dort mitmacht, Forschung unterstützen wollt oder für euch selbst etwas Positives daraus zieht, ist das okay.

Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die einzelnen Teilnehmenden. Sie richtet sich gegen die Rahmung, das Motto und das Menschenbild dahinter.

Und genau da gibt es auch innerhalb der Behinderten-Community unterschiedliche Haltungen. Manche finden das Format gut, andere sehen es kritisch. Beides ist real.

Wir sind nicht gegen Forschung. Aber wir glauben nicht, dass Heilung allein die Antwort auf Behindertenpolitik sein kann, während Barrieren, Ausgrenzung und fehlende Teilhabe für viele ganz real bestehen bleiben.

Und dann ist da noch der Zeitpunkt: rund um den 5. Mai, also rund um einen Protesttag, an dem es eigentlich um Rechte, Teilhabe und politische Forderungen der Behindertenbewegung geht. Auch deshalb finden wir es kritisch, wenn ein so reichweitenstarkes Projekt in diesem Zeitraum viel Aufmerksamkeit bindet.

Darum sagen wir weder: Alles ist gleich geblieben. Noch sagen wir: Inzwischen passt das schon.

Denn dafür ist das zugrunde liegende Bild von Behinderung für uns noch immer zu stark von Mangel, Heilung und Stellvertretung geprägt.

Warum wir dafür nicht einfach Werbung machen

Mehr Rollstuhlfahrende dort können sichtbar etwas verändern. Und trotzdem wollen wir nicht unkritisch Reichweite für eine Kampagne liefern, deren Grundton wir weiterhin problematisch finden.

Denn Sichtbarkeit allein ist noch kein Fortschritt, wenn sie vor allem dazu dient, ein defizitorientiertes Narrativ inklusiver aussehen zu lassen.

Darum bleibt unsere Haltung schlicht: Wir benennen unsere Kritik klar. Aber wir schreiben niemandem vor, wie er oder sie das zu bewerten hat. Wenn ihr mitmacht, ist das eure Entscheidung. Wenn ihr es kritisch seht, genauso.

Wichtig ist für uns nur, dass diese Kritik hörbar bleibt und nicht so getan wird, als gäbe es dazu innerhalb der Behinderten-Community nur eine einzige richtige Haltung.

Unser Fazit, fast zehn Jahre später

Ein paar Dinge sind besser geworden.
Aber der Kern unserer Kritik ist geblieben.

Solange Behinderung vor allem als etwas erzählt wird, das andere durch Leistung, Mitleid oder Forschung für uns „lösen“ sollen, bleibt etwas schief.

Wir brauchen andere Bilder.
Andere Sprache.
Andere Maßstäbe.

Nicht nur Läufe für uns.
Sondern Kämpfe mit uns.
Nicht nur Forschung an Heilung.
Sondern ebenso Konsequenz bei Teilhabe, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung.
Nicht nur gute Absichten.
Sondern ein anderes Verständnis von Behinderung.

Denn genau daran arbeiten wir in unserer eigenen Praxis jeden Tag: Menschen in ihrer Behinderung und mit ihrem Rollstuhl zu empowern, sich mit sich selbst zu versöhnen, Skills zu lernen, Selbstvertrauen aufzubauen, sich zu vernetzen, sichtbar zu werden und miteinander für echte Teilhabe zu kämpfen.

Wir glauben nicht an ein gutes Leben erst nach einer möglichen Heilung. Wir glauben daran, dass Menschen schon jetzt Stärke, Gemeinschaft, Würde und Handlungsmacht erfahren müssen – und können.

Ein paar Updates ändern noch kein Menschenbild.
#DestroyingStereotypes damals wie heute!

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