Selbst oder nicht Selbst ist hier die Frage!

Nach meinem Unfall wollte ich nichts mehr, als wieder selbstständig leben zu können, aktiv zu sein und mich bewegen. Das war mein größter Wunsch und ich war hoch motiviert das zu schaffen. Ich hab es geschafft und das obwohl ich auch schnell gelernt hab, dass man sich manchmal unter Wert verkaufen muss.

Aber warum muss man das? Sollte es nicht anders sein? Die Krankenkassen haben Bonusprogramme in denen ihre Versicherten motiviert werden sollen Sport zu treiben und gesund zu leben. Sie werden dann mit tollen Sachen gelockt, von Zusatzleistungen bis hin zu teuren neuen Smartphone Uhren. Aber als behinderter Versicherter ist es anders. Die meisten Bonusprogramme, wenn nicht sogar alle, kommen für mich nicht in Frage, sind einfach nicht anwendbar, obwohl ich sportlich bin und meinen Lebensstil deutlich geändert habe. Ich lebe gesünder und bin aktiver, ich gehe arbeiten und zahle in das System ein. Doch statt mehr Leistung bekomme ich weniger, weil ich zu aktiv bin, zu mobil, zu selbstständig.

Als Behinderter oder Pflegebedürftiger bekommt man oft den Tip, man solle sich zurückhalten, nicht alles zeigen was man kann. Dann wird man schlechter eingeschätzt und der Ausgleich der Behinderung ist damit größer. Man bekommt mehr Pflegegeld oder ein tolles Hilfsmittel. Aber wehe man ist zu aktiv, zu selbstständig und zu mobil – und dann auch noch ehrlich. Dann hat man verloren. Das Hilfsmittel bekommt man nicht um noch aktiver zu sein, um noch selbstständiger zu sein und anstatt Pflegegeld werden einem auch noch die Handschuhe gestrichen. Denn wenn man keine Pflege nötig hat, braucht man die ja nicht. Ja ich rede von verdammten Gummihandschuhen, die ich brauche um meine (sorry) täglichen Geschäfte zu erledigen. Jeder der weiß, was kathetern, peristeen, ausräumen und ähnliches ist, weiß auch, dass man dazu gewisse Hilfsmittel braucht. Katheter, klar, aber eben auch Desinfektionsmittel und Handschuhe, aber beides bekommt man oft nicht, bzw. nur wenn man eine Pflegestufe hat.

Ich kann den Gedanken nicht nachvollziehen. Nur weil ich es selber kann, brauche ich es nicht? Oder gehen die vielleicht davon aus, dass wenn man sowas braucht, man das halt auch nicht selbstständig kann? Also bin ich wegen ein paar Gummihandschuhen dazu angehalten meine Pflegebedürftigkeit zu erhalten. Ich muss nachweisen, dass ich eine bestimmte Zeit täglich Hilfe für Körperpflege, anziehen und Hauswirtschaft brauche. Am Ende bekomme ich jeden Monat ein Pflegegeld, ein paar Handschuhe und Desinfektionsmittel. Irgendwie hirnrissig. Da wollen die Kassen immer sparen, aber anstatt mir ein paar Handschuhe zu bezahlen, geben die mir lieber noch 230 € oben drauf!?

Ja ich weiß, dass ich hier mein Pflegegeld riskiere, weil nun vielleicht jemand auf die Idee kommt zu prüfen, ob das was ich hier tippe wirklich so ist. Aber soll es deswegen so weiter gehen? Warum kann sich das System nicht ändern? Man wird ja regelrecht gezwungen zu lügen. Und wenn man nicht lügen will, dann lässt man es halt einfach bleiben mit dem selbstständig und aktiv leben. Ist das vielleicht die Lösung? Wollen die gar nicht das ich selbstständig lebe und arbeite?

Warum kann man nicht auch hier Anreize für ein selbstständiges und aktives, sowie gesundes Leben schaffen? Warum kann man das nicht auch für behinderte und pflegebedürftige machen? Es könnte doch auch mal ein Zuschuss zu einem Hilfsmittel geben, dass den Versicherten in seiner Aktivität fördert.

Ein Beispiel: Ich bekomme kein Handbike, also ein Fahrrad, was ich vor meinen Rollstuhl spannen kann, weil ich zu mobil bin. In der Ablehnung heißt es, dass ich mit meinem Rollstuhl alle Orte des täglichen Lebens erreichen kann und zu mehr sei die Krankenkasse nicht verpflichtet. Ok, ich finde auch, dass die Krankenkasse nicht alles bezahlen muss. Aber da ich mir das vielleicht selbst nicht leisten kann, muss ich jetzt abbauen und beweisen, dass ich nicht mobil bin? Warum kann die Krankenkasse nicht sagen: „Toll, dass sie so selbstständig sind und an der Gesellschaft teilhaben. Toll, dass sie arbeiten und ihren Anteil leisten. Wir wollen ihnen einen Bonus geben, wenn sie sich ein Handbike beschaffen.“ Vielleicht muss die Krankenkasse das dann gar nicht komplett bezahlen und vielleicht ist das auch ein doofes und egoistisches Beispiel, aber was ich sagen will: Warum kann die Krankenkasse behinderte Menschen nicht genauso motivieren, wie ihre nichtbehinderten Versicherten auch? Es kann mir jetzt keiner erzählen, dass eine Apfel Uhr die Mobilität eines Fußgängers im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung verbessert oder irgendwie therapeutische Maßnahmen erfüllt.

Bonusprogramme oder Abstellgleis?

Bonusprogramm oder Abstellgleis?

Ich finde es gut, wenn die Krankenkasse ihre Versicherten motiviert mehr Sport zu treiben und auf ihre Gesundheit zu achten. Ich finde es auch ok, wenn dafür ein gewisser Anreiz geschaffen wird. Ich finde es aber schade, dass ich bei behinderten oft das Gegenteil sehe. Ein weiterer Gedanke ist folgender. Ein Rollstuhlfahrer, der für sein tägliches Leben auf einen Aktivrollstuhl angewiesen ist, muss in den Gebrauch des Hilfsmittels geschult werden. Dafür geben geübte Rollstuhlfahrer und Übungsleiter Mobilitätstrainingskurse, diese müssen von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt werden. Aber in der Praxis werden diese oft nicht bezahlt oder nur ein kleiner Teil. Dabei sind diese Kurse extrem wichtig für die Selbstständigkeit und die Teilhabe. Aber anstatt zu motivieren, solche Kurse zu besuchen, freut man sich, wenn die Kosten eingespart werden können.

3 Kommentare

  1. Jos van Aken sagt:

    Es gibt m.E. zwei Ansätze: Da ist das Recht auf Teilhabe (da wird die Krankenkasse sich in Sachen Handbike versuchen zu „argumentieren“, dass nicht behinderten ja auch kein Fahrrad finanziert wird. Darüber kann man streiten.

    Zum anderen: Die Krankenkassen sind ja gehalten, unsere Gesundheit so gut es geht erhalten zu helfen. Unbestritten dürfte sein, dass wir als Rollstuhlfahrer alles in allem zunächst mal unter mehr oder weniger gesundheitsschädigendem erzwungenem Bewegungsdefizit leiden. Folge: Wir werden krank. Selbst bei kompletter Ernährungsumstellung drohen Übergewicht, Herz- und Kreislauferkrankungen usw.

    Ich bon – wie im Artikel geschrieben – der Ansicht, dass die KK zumindest einen Teil der Kosten zum Beispiel für die Anschaffung eines Vorspann-Handbikes übernehmen muss – unterm Strich werden dadurch ganz erhebliche Kosten für die Therapie der geschilderten Folgeerkrankungen eingespart.

    Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, in diesem Jahr die (Teil-)Finanzierung eines Vorspann-Bikes für einen meiner Rollstühle zu beantragen.

  2. Also ich finde auch, die Krankenkasse sollte Mobilitätskurse bezahlen. Für Gehandicapte Personen ist es ganz besonders wichtig, unterstützt zu werden. LG

    1. datlebbe sagt:

      Grundsätzlich muss das die Krankenkasse auch bezahlen! Es gibt auch ein Urteil, dass dies untermauert: http://www.rollikids.de/assets/files/2015_01_15_DRS_SuM_Mobilitaetstraining.pdf

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