{"id":10506,"date":"2026-03-23T21:54:51","date_gmt":"2026-03-23T20:54:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sitnskate.de\/?p=10506"},"modified":"2026-03-29T21:55:24","modified_gmt":"2026-03-29T19:55:24","slug":"wings-for-life-zehn-jahre-spaeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/aktuelles\/wings-for-life-zehn-jahre-spaeter","title":{"rendered":"Wings for Life: Zehn Jahre sp\u00e4ter"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Wings for Life: Zehn Jahre sp\u00e4ter<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum wir (immer noch) nicht mitrollen.<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.sitnskate.de\/aktuelles\/wings-for-life-warum-wir-morgen-nicht-mitrollen\">2016 haben wir hier erkl\u00e4rt, warum wir bei Wings for Life nicht mitrollen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem wird dieser Text jedes Jahr wieder gefunden, geteilt, diskutiert und kommentiert. Offenbar trifft er bis heute einen Nerv. Und weil seitdem zehn Jahre vergangen sind, wollten wir mal ein Update geben: Was hat sich ver\u00e4ndert? Welche Kritik ist noch aktuell? Und w\u00e4re unsere Position heute eigentlich noch dieselbe?<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz gesagt:&nbsp;<strong>Unsere Kritik bleibt.<\/strong><br \/>Aber eben nicht eins zu eins wie 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn man muss fair bleiben: Ein paar Dinge haben sich ver\u00e4ndert. Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was wir 2016 kritisiert haben<\/h2>\n\n\n\n<p>Unsere Hauptkritik war damals nicht, dass Geld in Forschung flie\u00dft.<br \/>Unsere Kritik war auch nicht, dass Menschen aus Solidarit\u00e4t Geld sammeln oder an einem Lauf teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Problem war das Menschenbild dahinter, das Framing.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Motto lautet damals, wie heute, sinngem\u00e4\u00df:&nbsp;<strong>Die einen laufen f\u00fcr die anderen, die es nicht k\u00f6nnen.<\/strong><br \/>Also: die Aktiven f\u00fcr die Passiven. Die Gesunden f\u00fcr die Kranken. Die Helfenden f\u00fcr die, denen etwas fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau darin steckt bis heute ein Problem.<br \/>Denn viele von uns k\u00f6nnen sehr wohl etwas. Nur vielleicht nicht das, was in dieser Kampagne als Ma\u00dfstab gesetzt wird &#8211; Laufen. Vor 10 Jahren wurde das noch viel zu selten gezeigt, dass Rollstuhlfahrende sehr wohl aber mitrollen k\u00f6nnen &#8211; das war unsere Kritik &#8211; unter anderem.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wir rollen. Wir bewegen uns. Wir leben. Wir arbeiten. Wir machen Sport. Wir sind nicht einfach eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr fremde Wohlt\u00e4tigkeit. Und wenn Rollstuhlfahrer*innen mitrollen, dann sollte das auch gezeigt und gewertsch\u00e4tzt werden. Wenn das Motto zum Beispiel w\u00e4re:&nbsp;<strong>\u201eWir laufen gemeinsam f\u00fcr mehr Forschung.\u201c<\/strong>&nbsp;Dann w\u00e4re das f\u00fcr uns etwas anderes. Inklusiver. Gemeinsamer. Nicht nur im Ablauf, sondern auch in Motto, Bildsprache und Framing. Aber genau das war damals nicht der Fall.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was sich seitdem tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert hat<\/h2>\n\n\n\n<p>Manches ist heute besser als damals.<\/p>\n\n\n\n<p>Rollstuhlfahrende sind auf den aktuellen Seiten sichtbarer als fr\u00fcher.<br \/>Teilweise werden Strecken ausdr\u00fccklich als zug\u00e4nglich f\u00fcr Rollstuhlteilnehmende beschrieben. Es gibt mehr Hinweise darauf, dass nicht nur gelaufen, sondern auch gerollt und gegangen wird. Auch die Stiftung macht heute transparenter sichtbar, dass sie Berichte und Informationen zu ihrer Arbeit ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch beim Forschungsfokus w\u00e4re es zu billig, euch hier einfach denselben Text wie 2016 nochmal hinzuklatschen. Aber wir vertreten weiterhin die grunds\u00e4tzliche Meinung, dass wir keine Heilung brauchen, sondern Barrierefreiheit, Teilhabe und Inklusion.<br \/>Es gibt inzwischen sichtbar gef\u00f6rderte Projekte, die sich nicht nur um die Frage drehen, ob Menschen mit Querschnittl\u00e4hmung irgendwann wieder laufen k\u00f6nnen, sondern auch um Themen wie Blase, Darm, Blutdruck und autonome Funktionen. Das ist relevant. Und das ist f\u00fcr viele Menschen mit Querschnittl\u00e4hmung im Alltag oft sogar deutlich n\u00e4her an echter Lebensqualit\u00e4t als die ewige Erz\u00e4hlung vom Aufstehen und Loslaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft:<br \/><strong>Nein, nicht alles ist noch genau wie damals<\/strong>&nbsp;und das ist gut!<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was uns bis heute st\u00f6rt<\/h2>\n\n\n\n<p>Und trotzdem bleibt der f\u00fcr uns zentrale Denkfehler bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Grundidee wird weiter genau so erz\u00e4hlt, wie wir sie damals problematisch fanden:<br \/>**\u201eRun for those who can\u2019t.\u201c (und gemeint sind hier sicher nicht die, die an dem Tag keine Zeit hatten)**<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt erstmal emotional, motivierend und solidarisch.<br \/>Ist es aber nur, wenn man Behinderung ausschlie\u00dflich als Defizit versteht, nicht aber als Teil einer Identit\u00e4t, einer Pers\u00f6nlichkeit, einer Person, die etwas kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn dieses Motto fragt nicht:<br \/>Wie k\u00f6nnen Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben?<br \/>Wie k\u00f6nnen Barrieren abgebaut werden?<br \/>Wie k\u00f6nnen Teilhabe, Assistenz, Mobilit\u00e4t und Selbstbestimmung gest\u00e4rkt werden?<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen bleibt die Erz\u00e4hlung:<br \/>Da sind Menschen, die etwas nicht k\u00f6nnen. Und andere bewegen sich f\u00fcr sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag gut gemeint sein. Aber gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum uns das nicht reicht<\/h2>\n\n\n\n<p>Mehr Rollstuhlfahrende auf der Strecke sind sch\u00f6n.<br \/>Mehr Sichtbarkeit ist gut.<br \/>Mehr Transparenz ist auch gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mehr Sichtbarkeit allein ver\u00e4ndert noch kein defizitgepr\u00e4gtes Menschenbild.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die Grundbotschaft dieselbe bleibt, dann werden behinderte Menschen am Ende nur etwas moderner in dieselbe alte Erz\u00e4hlung eingebaut: als Anlass, als Symbol, als Motivation f\u00fcr andere.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nein: Das ist nicht dasselbe wie echte Repr\u00e4sentation.<\/p>\n\n\n\n<p>Echte Repr\u00e4sentation hei\u00dft nicht nur, dass Rollstuhlfahrende vorkommen.<br \/>Echte Repr\u00e4sentation hei\u00dft, dass wir nicht blo\u00df mitgemeint oder mitgezeigt werden, sondern dass unsere Perspektiven das Narrativ mitbestimmen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum wir trotzdem differenzieren<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir wollen es uns hier nicht zu leicht machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Menschen machen dort aus ehrlicher Solidarit\u00e4t mit. F\u00fcr manche Rollstuhlfahrende kann es au\u00dferdem empowernd sein, dort sichtbar zu sein, mitzurollen und Raum einzunehmen. Und auch viele Nichtbehinderte wollen schlicht unterst\u00fctzen. Das erkennen wir an.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb geht es uns nicht darum, einzelnen Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn ihr dort mitmacht, Forschung unterst\u00fctzen wollt oder f\u00fcr euch selbst etwas Positives daraus zieht, ist das okay.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Kritik richtet sich nicht gegen die einzelnen Teilnehmenden. Sie richtet sich gegen die Rahmung, das Motto und das Menschenbild dahinter.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau da gibt es auch innerhalb der Behinderten-Community unterschiedliche Haltungen. Manche finden das Format gut, andere sehen es kritisch. Beides ist real.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nicht gegen Forschung. Aber wir glauben nicht, dass Heilung allein die Antwort auf Behindertenpolitik sein kann, w\u00e4hrend Barrieren, Ausgrenzung und fehlende Teilhabe f\u00fcr viele ganz real bestehen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch der Zeitpunkt: rund um den 5. Mai, also rund um einen Protesttag, an dem es eigentlich um Rechte, Teilhabe und politische Forderungen der Behindertenbewegung geht. Auch deshalb finden wir es kritisch, wenn ein so reichweitenstarkes Projekt in diesem Zeitraum viel Aufmerksamkeit bindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum sagen wir weder: Alles ist gleich geblieben. Noch sagen wir: Inzwischen passt das schon.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn daf\u00fcr ist das zugrunde liegende Bild von Behinderung f\u00fcr uns noch immer zu stark von Mangel, Heilung und Stellvertretung gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum wir daf\u00fcr nicht einfach Werbung machen<\/h2>\n\n\n\n<p>Mehr Rollstuhlfahrende dort k\u00f6nnen sichtbar etwas ver\u00e4ndern. Und trotzdem wollen wir nicht unkritisch Reichweite f\u00fcr eine Kampagne liefern, deren Grundton wir weiterhin problematisch finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Sichtbarkeit allein ist noch kein Fortschritt, wenn sie vor allem dazu dient, ein defizitorientiertes Narrativ inklusiver aussehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum bleibt unsere Haltung schlicht: Wir benennen unsere Kritik klar. Aber wir schreiben niemandem vor, wie er oder sie das zu bewerten hat. Wenn ihr mitmacht, ist das eure Entscheidung. Wenn ihr es kritisch seht, genauso.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist f\u00fcr uns nur, dass diese Kritik h\u00f6rbar bleibt und nicht so getan wird, als g\u00e4be es dazu innerhalb der Behinderten-Community nur eine einzige richtige Haltung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unser Fazit, fast zehn Jahre sp\u00e4ter<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein paar Dinge sind besser geworden.<br \/>Aber der Kern unserer Kritik ist geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange Behinderung vor allem als etwas erz\u00e4hlt wird, das andere durch Leistung, Mitleid oder Forschung f\u00fcr uns \u201el\u00f6sen\u201c sollen, bleibt etwas schief.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir brauchen andere Bilder.<br \/>Andere Sprache.<br \/>Andere Ma\u00dfst\u00e4be.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur L\u00e4ufe&nbsp;<strong>f\u00fcr<\/strong>&nbsp;uns.<br \/>Sondern K\u00e4mpfe&nbsp;<strong>mit<\/strong>&nbsp;uns.<br \/>Nicht nur Forschung an Heilung.<br \/>Sondern ebenso Konsequenz bei Teilhabe, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung.<br \/>Nicht nur gute Absichten.<br \/>Sondern ein anderes Verst\u00e4ndnis von Behinderung.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn genau daran arbeiten wir in unserer eigenen Praxis jeden Tag: Menschen in ihrer Behinderung und mit ihrem Rollstuhl zu empowern, sich mit sich selbst zu vers\u00f6hnen, Skills zu lernen, Selbstvertrauen aufzubauen, sich zu vernetzen, sichtbar zu werden und miteinander f\u00fcr echte Teilhabe zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir glauben nicht an ein gutes Leben erst nach einer m\u00f6glichen Heilung. Wir glauben daran, dass Menschen schon jetzt St\u00e4rke, Gemeinschaft, W\u00fcrde und Handlungsmacht erfahren m\u00fcssen \u2013 und k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein paar Updates \u00e4ndern noch kein Menschenbild.<\/strong><br \/><strong>#DestroyingStereotypes damals wie heute!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum wir (immer noch) nicht mitrollen.<\/p>\n<p>2016 haben wir hier erkl\u00e4rt, warum wir bei Wings for Life nicht mitrollen.<\/p>\n<p>Seitdem wird dieser Text jedes Jahr wieder gefunden, geteilt, diskutiert und kommentiert. Offenbar trifft er bis heute einen Nerv. Und weil seitdem zehn Jahre vergangen sind, wollten wir mal ein Update geben: Was hat sich ver\u00e4ndert? Welche Kritik ist noch aktuell? Und w\u00e4re unsere Position heute eigentlich noch dieselbe?<\/p>\n<p>Kurz gesagt:\u00a0Unsere Kritik bleibt.<br \/>\nAber eben nicht eins zu eins wie 2016.<\/p>\n<p>Denn man muss fair bleiben: Ein paar Dinge haben sich ver\u00e4ndert. Und genau deshalb lohnt sich ein genauerer Blick.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":91,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[838,839,837,286],"class_list":["post-10506","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gedanken-zu","tag-kritik","tag-red-bull","tag-wfl","tag-wings-for-life"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10506"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10511,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10506\/revisions\/10511"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/media\/91"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.sitnskate.de\/ls\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}