{"id":4740,"date":"2023-01-16T13:57:57","date_gmt":"2023-01-16T12:57:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sitnskate.de\/?p=4740"},"modified":"2023-01-26T17:40:15","modified_gmt":"2023-01-26T16:40:15","slug":"besser-gut-gerollt-als-schlecht-gelaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sitnskate.de\/en\/aktuelles\/besser-gut-gerollt-als-schlecht-gelaufen","title":{"rendered":"Besser gut gerollt als schlecht gelaufen"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.sitnskate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lisa-lebuser-1024x682.jpg\" alt=\"Ein Foto von Lisa aus dem Jahr 2014. Sie tr\u00e4gt ein Cap, Z\u00f6pfe und ein Top wo die Band Rat City Riot drauf steht.\" class=\"wp-image-317\" width=\"418\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/www.sitnskate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lisa-lebuser-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.sitnskate.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/lisa-lebuser-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 418px) 100vw, 418px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Foto: Johannes Mairhofer<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>F\u00fcr ein Fotoprojekt von unserem Freund Johannes Mairhofer mit dem Namen &#8220;Kein Widerspruch&#8221; hat Lisa, damals ganz frisch im Rollstuhl, folgenden Text geschrieben. Dieser kam immer sehr gut an und ist leider irgendwie nicht mehr online. Also haben wir uns entschieden ihn hier noch einmal hoch zu laden. Denn die Erfahrungen von Lisa als Frau, die mit Behinderung aufgewachsen ist, aber den Rollstuhl zuerst als negativ wahrgenommen hatte, kann immer noch Leuten helfen, die sich mit dem Thema gerade auseinandersetzen (m\u00fcssen).<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Spa\u00df also mit dem Text von Lisa Lebuser, die damals noch Lisa Schmidt hie\u00df \ud83d\ude09 :<\/p>\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n\n<div style=\"height:37px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Besser gut gerollt als schlecht gelaufen<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Rollstuhl total normal \u2013 ein Widerspruch?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>\u201cUnser Kind soll so normal wie m\u00f6glich aufwachsen\u201d \u2013 das w\u00fcnschen sich wohl die meisten Eltern behinderter Kinder. Ist ja auch verst\u00e4ndlich, schlie\u00dflich m\u00f6chte wohl niemand \u00fcber seine Behinderung definiert werden. Jeder ist verschieden \u2013 der eine ist vielleicht Musikfan, der andere Pferdenarr oder B\u00fccherwurm. Doch was hei\u00dft eigentlich \u201cnormal\u201d? Muss man laufen, um normal zu sein? Ist es etwa \u201cnormaler\u201d, wenn ein Kind zwar l\u00e4uft (mit oder ohne Gehhilfen), aber nur sehr langsam und unter Anstrengung oder wenn es einen Rollstuhl nutzt und damit so schnell und mobil ist, wie seine Altersgenossen? Ist es normaler, wenn ein Kind mit Spina Bifida ohne Hilfsmittel sein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft verrichtet, sich dann aber beim Spielen in die Hose macht oder Bauchschmerzen hat? Und was ist daran erstrebenswert, einem Kind, das keine Kontrolle \u00fcber sein Blase hat, beibringen zu wollen, wie man \u201cnormal Pipi macht\u201d?&nbsp; Das einzige was dadurch erreicht wird ist, dass das Kind sich st\u00e4ndig \u00fcberfordert und unzul\u00e4nglich f\u00fchlt, weil es das einfach nicht kann!<\/p>\n\n\n\n<p>In Selbsthilfeforen und -gruppen kommen diese Themen regelm\u00e4\u00dfig vor und ich versuche immer, den Eltern zu zeigen, dass Hilfsmittel nichts schlimmes sind, sondern das Leben erleichtern und viele Dinge \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen. Ich selbst, geboren mit Spina Bifida, brauchte viele Jahre bis ich verstanden habe, dass z.B. ein Rollstuhl nichts unnormales darstellen, nur weil die Mehrheit der Menschen ihn nicht nutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis vor einem Jahr bin ich ausschlie\u00dflich gelaufen \u2013 erst ohne, sp\u00e4ter mit Kr\u00fccken. Als Kind wurde ich noch bis ins Grundschulalter bei l\u00e4ngeren Strecken mit einem Buggy durch die Gegend geschoben. Sp\u00e4ter bin ich mit einem Tretroller durch den Supermarkt geflitzt. Es war damals zwar eine Erleichterung, aber heute frage ich mich: warum denn kein Rollstuhl? Eine Mutter mit einem Kind im Buggy ist nichts ungew\u00f6hnliches, aber eine Mutter mit Kind im Rollstuhl? Und ein Teenie mit Kr\u00fccken? Kann schon mal passieren, die hat sich sicher nur das Bein gebrochen. Und ein Rolli s\u00e4he ja eh \u201ctotal behindert\u201d aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Einstellung habe ich zum Gl\u00fcck ge\u00e4ndert. Vor einem Jahr war ich in der Reha \u2013 ich wollte die Kr\u00fccken loswerden! Genau genommen habe ich das auch geschafft, nur anders als ich es mir vorgestellt habe. Es ging mir darum, endlich die H\u00e4nde frei zu haben, mal nen Koffer oder Einkaufswagen schieben zu k\u00f6nnen, nicht immer nach vorne geb\u00fcckt laufen zu m\u00fcssen. Denn das war anstrengend, unpraktisch und sah auch noch bescheiden aus. In der Reha wurde mir, wie schon so oft zuvor, ein Rollstuhl f\u00fcr weitere Strecken (mehr dazu sp\u00e4ter) nahegelegt. Diesmal habe ich es probiert \u2013 und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens!<\/p>\n\n\n\n<p>Erstmals habe ich mich komplett darauf eingelassen. Wenn schon Rollstuhl \u2013 dann richtig! Ich habe pl\u00f6tzlich erkannt, was mir nun alles offen steht. Dinge, die vorher unvorstellbar waren und dass, obwohl ich immer dachte, ich w\u00fcrde schon alles machen, worauf ich Bock habe. Ich hatte ein Auto, bin alleine f\u00fcr ein Wochenende nach London gefahren, hatte eine eigene Wohnung, bin auf Punkrock Konzerte gefahren. Doch auf einmal ging noch so viel mehr! Ich konnte sogar Sport machen! Und das nervige Einkaufen mit Umh\u00e4ngetasche war Vergangenheit \u2013 im Rolli mit K\u00f6rbchen auf dem Scho\u00df hat es sogar Spa\u00df gemacht. Auch musste ich mich f\u00fcr Kurzstrecken nicht mehr ins Auto setzen, ich bin einfach hingerollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell wurden diese Dinge auch meiner Familie und meinen Freunden bewusst. Doch es gab auch Leute, die das nicht gleich verstanden haben. \u201cDu wirst noch faul, irgendwann l\u00e4ufst du gar nicht mehr und dann wirst du es irgendwann gar nicht mehr k\u00f6nnen\u201d. Abgesehen davon, dass ich mittlerweile viele Rollifahrer kennen, die auch f\u00fcr Kurzstrecken den Rolli nutzen und trotzdem ihre F\u00e4higkeit zu laufen auch nach Jahren nicht eingebu\u00dft haben, w\u00e4re selbst das ein Opfer, das ich bereit w\u00e4re zu bringen. Es geht immer darum, Kosten und Nutzen abzuw\u00e4gen. Durch das Laufen in meiner Wohnung \u2013 nur an einer Kr\u00fccke, da ich ja auch mal was von A nach B tragen muss \u2013 hat sich meine Skoliose \u00fcber die Jahre drastisch verschlechtert. Meine Knie knirschen bei jeder Treppenstufe, die ich \u00fcberwinde. Au\u00dferdem ist das Laufen, wie bereits erw\u00e4hnt, sehr anstregend. Warum sollte ich das also weiter machen, wenn ich auch Rolli fahren kann? Mich fordern kann ich auch durch Sport, aber der Alltag sollte so einfach wie m\u00f6glich sein. Mich zu Fu\u00df von Sitzgelegenheit zu Sitzgelegenheit zu qu\u00e4len anstatt entspannt zu Rollen hat nichts mit Willensst\u00e4rke zu tun! Es ist einfach nur bescheuert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, so lange man zu h\u00f6ren bekommt, der Rollstuhl w\u00e4re \u201cnur f\u00fcr weite Strecken\u201d wird dadurch auch suggeriert, dass er etwas ist, dass man m\u00f6glichst vermeiden sollte. Es ist mir unverst\u00e4ndlich, warum er von vielen nicht als (fast) vollst\u00e4ndiger Ersatz f\u00fcr das Laufen gesehen wird, wenn dies nur unter gr\u00f6\u00dften Anstrengungen geht. Was ist an einem Rollstuhl so schlimm? Warum ist Laufen \u201cdas einzig Wahre\u201d? Vielleicht liegt es daran, dass sich nichbehinderte Fu\u00dfg\u00e4gner einfach nicht vorstellen k\u00f6nnen, auf etwas f\u00fcr sie so allt\u00e4gliches und selbstverst\u00e4ndliches wie Laufen verzichten zu k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, \u00e4hnlich sieht es auch mit dem Kathetern aus. Viele nichtbehinderte Eltern (und leider auch \u00c4rzte!) k\u00f6nnen sich einfach nicht vorstellen, dass ein Plastikr\u00f6hrchen in der Harnr\u00f6hre nicht weh tun soll (tut es nicht! \ud83d\ude09 ) und lassen ihre Kinder lieber bis ins Schulalter und dar\u00fcber hinaus mit Windeln durch die gegend laufen (oder rollen). Dadurch gef\u00e4hrden sie aber nicht nur das Selbstbewusstsein ihrer Kinder, sondern auch ihre Gesundheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Fazit: behindert und normal \u2013 das ist kein Widerspruch! Nutzt die Hilfsmittel die euch das Leben erleichtern und macht daf\u00fcr halt Bungee Jumping oder backt Kuchen! Ganz egal, aber schr\u00e4nkt euch nicht ein, in der Hoffnung dadurch n\u00e4her an der Norm zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/davidlebuser.wordpress.com\/\"><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ein Fotoprojekt von unserem Freund Johannes Mairhofer mit dem Namen &#8220;Kein Widerspruch&#8221; hat Lisa, damals ganz frisch im Rollstuhl, folgenden Text geschrieben. Dieser kam immer sehr gut an und ist leider irgendwie nicht mehr online. Also haben wir uns entschieden ihn hier noch einmal hoch zu laden. 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