{"id":345,"date":"2014-11-02T14:29:15","date_gmt":"2014-11-02T12:29:15","guid":{"rendered":"http:\/\/davidlebuser.wordpress.com\/?p=25"},"modified":"2022-10-17T16:19:34","modified_gmt":"2022-10-17T14:19:34","slug":"crowdwheeling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sitnskate.de\/en\/aktuelles\/crowdwheeling","title":{"rendered":"Crowdwheeling"},"content":{"rendered":"<p>Neulich waren wir auf einem Konzert der Kassierer in Dortmund. Neben einer absolut politisch korrekten Punkrockshow der alten Herren aus Wattenscheid, gab es aber auch nennenswerte Geschehnisse vor der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Das FZW in Dortmund ist eigentlich super f\u00fcr uns als Rollstuhlfahrer. Es ist ebenerdig, barrierefrei und hat sogar nen Rolliklo. Dann sind da noch diese super durchdachten &#8220;Stellpl\u00e4tze&#8221; f\u00fcr Rollstuhlfahrer. Eigentlich auch nicht schlecht, denn bei gr\u00f6\u00dferen Konzerten mit viel Andrang, hat man es ja doch oft schwer seinen Platz zu verteidigen und muss mehr darauf achten, nicht als Trittstufe missbraucht zu werden, als darauf dass man sein Bier nicht versch\u00fcttet. Beides ist bei Punkrockkonzerten nicht ungew\u00f6hnlich, denn es kocht ja ein Kessel aus purem Adrenalin, gepaart mit Alkohol und Anarchismus. F\u00fcr uns ein Mix, in dem wir uns ganz wohl f\u00fchlen, auch wenn Lisa weder trinkt noch raucht. Rauchen tu ich \u00fcbrigens auch nicht, aber das nur am Rande. Zur\u00fcck zu den Stellpl\u00e4tzen, die ja daf\u00fcr sorgen sollen, dass man eben nicht in diesen gef\u00e4hrlichen Kessel Gefahr l\u00e4uft unterzugehen und Ellbogen abzubekommen oder mit seinem harten Alurahmen f\u00fcr andere zur Gefahr zu werden. Doch was ist mit der Sicht auf die B\u00fchne? Die ist zu oft denkbar schlecht, denn dort waren sie gaaaaaanz rechts vorn, neben der B\u00fchne. W\u00e4re dort nun wenigstens eine Trib\u00fcne aufgebaut, sodass man \u00fcber die K\u00f6pfe der anderen Besucher hinweg sehen k\u00f6nnte, dann k\u00f6nnte man sich vielleicht noch damit anfreunden, dass man nur die H\u00e4lfte der B\u00fchne sehen kann aus diesem Blickwinkel. Aber wir wollen doch auch eigentlich mittendrin sein und alles sehen, f\u00fchlen und auch mal was abbekommen. Sonst k\u00f6nnten wir ja gleich zum Musikantenstadl gehen oder etwa nicht? Wer zu einem Punkrockkonzert geht, wei\u00df doch, dass Ellbogen wirbeln, Bier fliegt und flie\u00dft und auch der ein oder andere Schubser nicht ausbleibt. Die Konzertveranstalter wollen das scheinbar unterbinden, wir wollen es aber herausfordern.<\/p>\n<p>Kaum ert\u00f6nt also der erste Ton, geht es Radumdrehung f\u00fcr Radumdrehung in Richtung Mitte, bis wir einen Platz haben, wo man was sehen kann und sich einrocken kann. Diesen Drang bekommen einige drum herum mit und wollen helfen den Weg frei zu machen. Da kommt aus dem Sicherheitsgraben ein Mann auf uns zu uns sagte sowas wie: &#8220;&#8230;die sind anders als die anderen&#8230; die k\u00f6nnen da nicht hin&#8230;&#8221; Wir waren schockiert und wiesen ihn zur\u00fcck. Bei genauer Beobachtung, wusste er eh nicht von Punk und schon gar keinen Schimmer hatte er offenbar von dem was auf solchen Konzerten abgeht. Sein Gesicht zeigte die ganze Zeit \u00fcber, wie schockiert er \u00fcber die Texte und das Treiben dort war. Wir aber bahnten uns weiter unseren Weg. Ich fand den Platz gut, er reichte um das Konzert in vollen Z\u00fcgen zu genie\u00dfen. Ich sang, nein ich schrie die vulg\u00e4ren Texte der Kassierer mit und rockte ab. Als sich das Konzert dem Ende neigte, konnte ich aber nicht mehr einfach nur dort vorne stehen bleiben, es zog mich in den Kessel, ich wollte mittendrin sein.<\/p>\n<p>Also bahnte ich mir meinen Weg durch die pogenden Massen und als ich mittendrin war, schubste ich, wurde geschubst und f\u00fchlte mich dabei wunderbar. Ich rockte, drehte und wheeliete mich durch die Songs, dann kam jemand auf mich zu und fragte mich, ob ich surfen wolle. Ich sagte: &#8220;Klar, aber hol lieber noch ein paar Leute ran.&#8221; Der Rest ging schnell. Er winkte ein paar Leute ran, ich zog meine Bremsen an und schwupp war ich aufrecht \u00fcber dem Kessel, ich kochte \u00fcber, der Kessel kochte \u00fcber. W\u00e4hrend ich da oben \u00fcber die H\u00e4nde surfte, rockte ich weiter, riss meine H\u00e4nde nach oben. Es ist einfach ein tolles Gef\u00fchl, ein Gef\u00fchl von Freiheit und das Gef\u00fchl, dass best\u00e4tigt hier genau richtig zu sein unter diesen Leuten, die dich in die Mitte dr\u00e4ngen, schubsen und dich auf H\u00e4nden tragen, wie sie es mit jedem anderen hier genauso tun.<\/p>\n<p>Irgendwann endet jeder Crowdsurfer im Sicherheitsgraben. Die Securities sind sowas wie die nat\u00fcrlichen Feinde eines jeden Crowdsurfers und Stagedivers. Ich versuchte mich zu wehren, wurde dann aber doch in den Graben hinab gelassen. In meiner Bierlaune und dem Adrenalinrausch des Surfens, versuchte ich mich von den Sicherheitspersonal zu entrei\u00dfen und mehrfach die B\u00fchne zu erklimmen, leider erfolglos. \u00dcbertrieben? F\u00fcr den ein oder anderen von euch vielleicht, aber wenn man Punk lebt, dann wird man das verstehen. Alles was ich wollte, war eine R\u00fcckw\u00e4rtsrolle auf der B\u00fchne und das Gef\u00fchl von Freiheit zur\u00fcckholen, dass mir die Securities gerade genommen haben.<\/p>\n<p>Ok, ich bin also nicht auf die B\u00fchne gekommen, konnte mich dem Sicherheitsperonal nicht entrei\u00dfen. Aber gewinnen lassen? Niemals! Statt mich wieder an der Seite in die Menge zu lassen, wie es eigentlich \u00fcblich ist, sollte ich nun die letzten Songs im Graben verweilen mit einem noch schlechteren Blickwinkel. Also griff ich in die Trickkiste, hob mich etwas aus dem Rollstuhl um meinen Hintern zu entlasten. Der Security dachte aber sicherlich, dass ich schon wieder abhauen will und griff mir an die Schulter. Dies nutzte ich aus und lies mich fallen, ganz gekonnt nach hinten. Er dachte nat\u00fcrlich ich sei umgefallen und w\u00e4hrend er noch nicht wusste was er tun sollte, rief ich &#8220;Du kannst mich doch nicht einfach umschubsen!&#8221; Es kam weiteres Personal und auch Sanit\u00e4ter dazu, w\u00e4hrend er sich wehrte: &#8220;Ich hab ihn nicht geschubst, wirklich nicht.&#8221;, kletterte ich wieder in meinen Rollstuhl und sagte: &#8220;Dann lass mich doch einfach wieder zur\u00fcck und halte mich hier nicht fest.&#8221; Das machte er dann auch nach kurzer R\u00fccksprache via Funk und ich konnte zumindest den letzten Song und die Zugabe wieder mit den anderen feiern.<\/p>\n<p>\u00dcbertrieben? Gemein? Find ich nicht, denn was w\u00e4re, wenn man einfach von Anfang an selbst entscheiden k\u00f6nnte wo man steht und die Rollstuhlpl\u00e4tze einfach optional w\u00e4ren. Was w\u00e4re, wenn man einfach einen Rollstuhlfahrer wie jeden anderen behandelt, egal ob er nun tanzen, pogen oder surfen will. Dann h\u00e4tten die mich runter geholt, eine kurze Verwarnung und zur\u00fcck in die Menge. Verdammt, das ist Punkrock und keine Kaffe und Kuchen Veranstaltung.<\/p>\n<p>Ich appelliere an das FZW und an alle anderen, die Konzerte veranstalten, denkt nach. Teilhabe hei\u00dft nicht nur am Rand dabei sein, Teilhabe hei\u00dft mittendrin zu sein, selbst entscheiden zu k\u00f6nnen, wie man dieses gesellschaftliche Zusammentreffen genie\u00dfen m\u00f6chte. Wenn ihr Rollstuhlpl\u00e4tze habt, ist das durchaus lobenswert, sind diese aber in der Ecke, wo man nix sehen kann, ist das f\u00fcr&#8217;n Arsch!<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcrs Lesen \/David<\/p>\n<p>PS: Vielen Dank an die Jungs und M\u00e4dels, die uns diesen Abend mit ihren Tickets rein genommen haben und sp\u00e4ter noch mit uns angesto\u00dfen haben. Vielen Dank an die, die mich schweren Brocken \u00fcber die K\u00f6pfe getragen haben und vielen Dank an alle, die Punk noch leben und nicht zu einem weinerlichen Schunkelabend verkommen lassen. Vielen Dank auch an die Kassier, dass ihr nach so vielen Jahren immer noch nicht &#8220;erwachsener&#8221; geworden seid. Stay rebel, stay true!<\/p>\n<p>PPS: leider habe ich keine Bilder oder Videos von diesem Abend. Wer also was hat oder was findet, von mir crowdsurfend oder pogend, w\u00e4re toll wenn ihr mir das schicken k\u00f6nntet. Danke \ud83d\ude42<\/p>\n<div id=\"attachment_33\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.sitnskate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/rolli_pacc88acc88rchen_166.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-33\" class=\"size-medium wp-image-33\" src=\"https:\/\/www.sitnskate.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/rolli_pacc88acc88rchen_166.jpg?w=300\" alt=\"Foto von Anna-Lena Ehlers\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-33\" class=\"wp-caption-text\">Foto von Anna-Lena Ehlers<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich waren wir auf einem Konzert der Kassierer in Dortmund. Neben einer absolut politisch korrekten Punkrockshow der alten Herren aus Wattenscheid, gab es aber auch nennenswerte Geschehnisse vor der B\u00fchne. Das FZW in Dortmund ist eigentlich super f\u00fcr uns als Rollstuhlfahrer. Es ist ebenerdig, barrierefrei und hat sogar nen Rolliklo. 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